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BIG AIR

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VERRÜCKTE CROSSER AUF FLIEGENDEN KISTEN


Die Halle bebt. Die Luft ist erfüllt vom blauen Dunst und Spritgestank der Zweitakter. In den Ohren dröhnt der Lärm der hochdrehenden Crossmopeds. Aber noch lauter ist der frenetische Jubel, der die akrobatischen Tricks der Freestyle-Crosser begleitet. Die Masse tobt. Sie feuert die junge Bande auf den fliegenden Maschinen immer wieder an. Und endlich; der erste Backflip auf deutschem Boden!

Backflip? Äh, ein neues Speiseeis? Akrobatik auf Motorrädern? Ja, sind wir denn im Zirkus?
Nein, dieses Mal verschlägt es uns in die Dortmunder Westfalenhalle. An drei Tagen zeigt die internationale Motocross-Elite, was in einer recht engen Radrennhalle an Motocross so geht. Und wenn das Publikum schließlich aufgeheizt ist von den Rennen des Tages, dann kommt erst der eigentliche Höhepunkt. Der Programmteil, auf den nicht wenige der rund Dreizehntausend wirklich gewartet haben. Waren die Rennen schon von Sprüngen und Wheelies gekennzeichnet, nun folgt die Krone des Cross: Freestyle-MX!
Die Freestyler sind die Snowboarder des Geländesports, die Skater auf Stollenprofil, Meister der Lüfte. Und begreifen sich und ihre Szene auch gerne als Outsiders. Sie nennen ihre Sprünge „Tricks“. Diese haben schräge Namen, die von der Fangemeinde aber fast lückenlos heruntergebetet werden können. Die Fahrer haben Spitznamen wie Wrestlingprofis und fast jeder hat einen Personal Move, einen ganz persönlichen Trick als Visitenkarte.
Hinter all dem Sprungspektakel steht aber nicht zuletzt Mut zum (kalkulierten) Risiko, Einsatz, Körperkraft und Gewandtheit. Wer in einer FX-Figur in acht Metern Höhe fast schwerelos durch die Luft fliegen will, muss trainieren. Talent und Übung sind dabei weitere Voraussetzungen.

DIE WURZELN
Angefangen hat all das in der Mitte der Neunziger. Die Geschichte ist schnell erzählt. Dass die Truppe auch heute noch aussieht, als führen alle mit dem Skateboard zum College, liegt in ihren Wurzeln im BMX-Fahrradsport. Und BMX wiederum entstand in den Achtzigern erst aus dem Motocross. Wer sich damals keine Cross-Maschine leisten konnte, wollte die kalifornischen Hügel wenigstens mit einem BMX-Fahrrad runterknallen. Dieser Fahrradcross wurde später wettkampfmäßig in Disziplinen unterteilt. Neben den Crossern gibt es nun Flatlander (so eine Art Kunstradfahren mit BMX), die Rampenflitzer in der Halfpipe und die Freestyler. Die fahren in einem Parcours mit einer Reihe von „Hindernissen“, an und auf denen sie in zwei Minuten allerlei frei gewählte Tricks durchführen können. Die Wertung verläuft ähnlich wie beim Eiskunstlauf. Und da schließt sich der Kreis zurück zum Motorsport. Irgendwann wollten die Motocrosser das auch. Ein Typ, der einmal einen Tank zwischen den Beinen gespürt hat, würde niemals freiwillig auf die Tretbikes zurücksatteln. Also ran ans Crossgerät und rauf auf die Rampe.

MAD MIKE JONES
Einer der „Godfathers of Freestyle-MX“ ist Mad Mike (der Metzger) Jones. Seit den frühen Anfängen und der ersten Competition 1996 überhaupt zeigt er seine Tricks. Er hat sich seitdem so ziemlich alle wichtigen Gelenke mindestens einmal schwer verletzt. Mehrfach wurde sein Karriereende kolportiert. Nur um ihn schon wenige Wochen später bei einer neuen Veranstaltung am Himmel zu sehen. So auch in Dortmund. Und wieder überraschend. Erst im letzten Jahr war er schwer gestürzt. Bei der bislang gewaltigsten Freestyle-Veranstaltung in der Arena von Sevilla vor 23.000 Zuschauern fiel er böse hin. Beim Versuch zum „Backflip“, dem ultimativen Rückwärtssalto mit Mensch und Maschine, verpatzte er den Anlauf. Er drehte zu langsam und stürzte in Rückenlage ab. Zwar verfehlte ihn das Bike, aber der Aufschlag war so hart, dass er sich mehrere Halswirbel anbrach. Mit eiserner Disziplin, viel Hanteltraining und Spaß am Sport kehrte er in Dortmund auf die internationale Bühne zurück. Der mittlerweile 36-Jährige zeigte erneut, dass er nicht zum alten Eisen gehört. Im Gegenteil. Er zeigt seine Jumps so frisch und motiviert wie eh und je. Ob „Kiss of Death“, „Fenderkiss“, „Heelclicker“ oder der von ihm perfekt präsentierte „Superman“, er bringt die Halle zum Toben. Das Publikum liebt den „Kaiser von Dortmund“.

DIE YOUNGSTERS
Thronfolger gibt es bereits. Und einer von den hungrigen Jungen stammt sogar aus Deutschland. Sebastian „Busty“ Wolter, 26 Jahre jung und bester Deutscher im internationalen Free-style-Business.
Wie bei den meisten anderen auch schien bereits seine Muttermilch mit Zweitaktöl durchsetzt. Wie sonst ist es zu erklären, dass ein Steppke mit nur zehn Jahren an seiner ersten (Junior) Rennserie aktiv teilnimmt. 1987?! Als es eben noch nicht zum guten Ton gehörte, den Kids auch Motorsport nahezubringen.
Fortan steigerten sich Klassen und Ansprüche. Busty wurde im aktiven Motocrosssport 5. der Deutschen Meisterschaft 1996 in der Klasse bis 500 ccm. Zu der Zeit bekam er Kontakt zu der schrägen Crossvariante aus dem sonnigen Kalifornien.
„Wir fuhren ja schon mit Motorrädern. Da machte BMX ja gar keinen Sinn“, grinst er heute, als er sich an die Anfänge erinnert.
„Das kann man gar nicht richtig ‚trainieren’. Entweder es klappt, oder du fliegst hin!“ meint er auf die Frage nach den Trainingsmethoden. Etwas überlegter stellt sich dann heraus, dass es natürlich ein Herantasten ans Machbare ist. Pushing the limits.
„Man fängt recht vorsichtig an. Der Sprung wird höher, weiter, du probierst neue Winkel und plötzlich ist es ganz einfach.“
Busty gibt zu, dass Talent, Fitness und Begabung wichtig sind. Man muss auch einen Hang dazu haben, sich und Neues auszuprobieren. Sonst wäre ja jeder andere Crosser auch Freestyler. Aber da ist noch ein wichtiger Aspekt.
„Im Cross geht es um ‚Erster sein’.“ Im Freestyle gibt’s natürlich auch Wettbewerbe und Platzierungen. Aber hier ist der Funfaktor ausschlaggebend. Ein Pokal ist klasse, aber das Publikum zu begeistern, das ist richtig groß!“

DIE SHOW
Die Freestyler in Dortmund sind eine Familie. Vor einem Winnebago haben sie in einer eigenen kleinen Halle ihren Treffpunkt errichtet. Hier sitzen sie zusammen und entspannen sich. Easy living im Vorfeld der Show. Irgendwann trollen sich alle zu ihren Bikes und legen ihre Protektoren an. Sicher verschalt und mit hartem Hut rollen sie zum Vorhang. Als das Licht in der Halle verlöscht und Spots aufflammen, dröhnen harte Gitarrenriffs durch das Betonrund. Einzeln wie Gladiatoren werden die Jungs vorgestellt. Schräges schon hier. Ailo Gaup aus Norwegen rollt mit brennendem Helm durch den Parcours. Dem brennt wörtlich der Hut!
Und schließlich geht’s los. Ach was los. Ab geht’s. Schlag auf Schlag rasen die Bikes über die Rampe. Die Fxer zeigen wahnwitzige Sprünge mit grotesken Figuren zwischen Himmel und Erde. Für eine Stunde scheint die Gravitation in Dortmund außer Kraft gesetzt zu sein. Und dann endlich – DER große Moment. Ailo Gaup, der Norweger schraubt sich über die Rampe, zieht am Lenker und vollendet den Backflip. Ohrenbetäubender Jubel für den ersten Rückwärtssalto auf deutschem Boden.
Es folgen die beliebten „Framers“. Nun sind in schneller Folge gleich zwei, ja drei Styler in der Luft. Jeder mit eigenem Trick. Als dann Mad Mike „the Metzger“ Jones ohne Helm den Double Twist in acht Metern Höhe zwischen Himmel und Hölle tanzt, rockt das Haus. M&F

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APRIL 2004

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