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STARKE MÄNNER IM ROCK

AUGUST 2005 Untitled Document

STARKE MÄNNER IM ROCK

Schottische Tradition trifft rheinische Manneskraft

KEMPEN, EIN KLEINES STäDTCHEN AM NIEDERRHEIN.

Wenn man das Städtchen das erste Mal betritt, scheint die Zeit stillgestanden zu sein. Die Burg sieht aus, als ob sie noch vom Burgherrn bewohnt wird und im Altstadtkern haben es die Städtebauer hervorragend verstanden, die Geschäfte zu integrieren, ohne die
Atmosphäre der wunderschönen Altbauten zu stören. Aber an diesem Wochenende ist doch einiges anders.
Ü berall sieht man kräftige Männer in schottischer Gewandung und die Musik aus vielen Dudelsäcken erfüllt die Stadt. Was hier so aussieht, als wäre die altehrwürdige Stadt einem Überfall marodierender Highlander zum Opfer gefallen, ist aber in Wirklichkeit die Kulisse für eine überaus interessante Sportart.

DIE HIGHLAND GAMES.
Was in Schottland schon Tradition war, bevor irgendjemand an die Olympischen Spiele der Neuzeit gedacht hat, scheint jetzt auch über die Landesgrenzen hinaus immer beliebter zu werden. In den Niederlanden gibt es bereits eine richtige Wettkampfsaison, innerhalb derer der Niederländische Meister ermittelt wird.
Dank Manfred Mühlenhaus fanden in diesem Jahr bereits die 3. Highland Games in Kempen statt. Und in diesem Jahr sind es sogar die ersten, vom Dachverband IHGF anerkannten, offiziellen Deutschen Meisterschaften.
Der 1,92 m große und 138 kg schwere Hüne blickt auf eine lange sportliche Karriere zurück. Zunächst als Eishockeysspieler sogar in der Bundesliga aktiv, entdeckte man ihn später für American Football. Bei einem Schottlandurlaub vor einigen Jahren stieß er auf die Highland Games und war sofort Feuer und Flamme. Fortan trainierte er für diese Sportart und wurde von so manch einem als Spinner abgetan. Manfred ließ sich hiervon aber nicht beirren. Er nahm an diversen Meisterschaften im Ausland teil, und erwarb sich bald den Respekt vieler Sportskollegen. Darüber hinaus wurde Manfred aber auch nicht müde, die Highland Games auch anderen nahe zu bringen. Wie sich heute zeigt mit großem Erfolg.
Der Verin „HIGHGLANDER VOM NIEDERRHEIN e.V.“ wurde nach dem großen Erfolg der „1st Kempen Highland Games“ am 14. Juni 2003 offiziell gegründet. Von den acht Gründungsmitgliedern nehmen vier an sportlichen Wettkämpfen teil. Der Verein hat zum Ziel, den Menschen eine Anlaufstelle zu bieten, um mehr über die „Spiele“ und die Traditionen der Highlands zu erfahren. Natürlich hat man auch die Möglichkeit, sich selbst in den verschiedenen Disziplinen zu versuchen. Der Verein wächst stetig und neue Vereine gründen sich in Deutschland, wie z.B. der Clan der Ebronen in Halle und die Lowlander aus Kropp in Schleswig Holstein. Letztere brillierten zuletzt mit ihrem spektakulären Auftritt bei Wetten, dass…? und sind auch Ausrichter der viel besuchten Spiele in Machern bei Leipzig.

DIE DISZIPLINEN
Die Highland Games haben Ihren Ursprung in keltischen Traditionen. Sie fanden bereits im 10. Jahrhundert statt und gehören zu den wohl außergewöhnlichsten und traditionsreichsten Sportveranstaltungen, die es gibt.
Unterstützt von Königen und Clan Chiefs boten sie neben guter Unterhaltung auch die Möglichkeit, Soldaten zu rekrutieren oder auch Männer als Bodyguards oder Kuriere zu ermitteln.
Zwischen Mai und September versammelten sich die Dorfbewohner an verschiedenen Orten um untereinander ihre Kräfte in verschiedenen Disziplinen zu messen. Dabei verwendeten sie als Sportgeräte Gegenstände ihres täglichen Lebens.
Diese Tradition wird bis heute fortgeführt - typisch schottisch ist, dass die Athleten weiterhin im Kilt (Schottenrock) gegeneinander antreten.
Putting The Stone ähnelt dem Kugelstoßen, wie man es aus der Leichtathletik kennt. Jedoch wird anstatt einer Stahlkugel ein Stein von 7,25 kg und/oder 10 kg benutzt.
Throwing The Weight erinnert an das klassische Hammerwerfen. Der Unterschied besteht darin, dass das Gerät 12,7 kg und/oder 25,5 kg wiegt, eine Gesamtlänge von maximal 43 cm hat und mit nur einer Hand gehalten und geworfen wird.
Weight Over Barr Bei dieser Disziplin wird ein 25,5 kg schweres Gewicht nach oben über eine Stange (Barr) katapultiert. Dieses geschieht mit nur einem Arm.
Scottish Hammer Hier wird eine 7,25 kg und/oder 10 kg schwere Kugel, die an einem 127cm langen Rattanstab befestigt ist, mit dem Rücken zum Feld stehend geschleudert und nach hinten weggeworfen. Die Füße dürfen sich erst bewegen, wenn der Hammer die Hände verlassen hat.
Tossing The Caber ist die wohl spektakulärste Disziplin. Ein zwischen 4,80 m und 6,00 m langer und 40 bis 90 kg schwerer Baumstamm wird hochkant angehoben. Mit einem kurzen Anlauf versucht man dann den Baum so zu werfen, dass dieser sich um 180 Grad dreht, aufsetzt und dann so gerade wie möglich nach vorne kippt (sog. 12-Uhr-Linie). Bei Tossing The Caber geht es nicht um die erzielte Weite, sondern um die perfekte Falllinie.
Als Vorstufe zu den eigentlichen Highland Games finden vielfach Mannschaftswettbewerbe statt. Hierbei messen sich Teams von jeweils 5 Personen in den unterschiedlichsten Disziplinen. Neben den 5 klassischen Wettbewerben findet man hier vom Bogenschießen über das 5-Mann-Baumstamm- slalomrennen bis hin zum Tauziehen die unterschiedlichsten Aktivitäten. Dieser Mannschaftswettbewerb ist wirklich etwas für jedermann. Hier findet sich vom Kegelclub bis zum Fitnesscenter alles ein. Durch die geschickte Abwägung von Geschicklichkeits- und Kraftwettbewerben sind die Chancen recht gleichmäßig verteilt. In Machern bei Leipzig waren im letzten Jahr 30 Teams am Start, darunter auch Damen und Kindermannschaften, die natürlich separat gewertet werden.
Die jeweils Punktbesten in den klassischen Disziplinen qualifizieren sich für den Wettbewerb der B-Heavies. Das ist gewissermaßen die 2. Liga der Highland Games.
Wer dort mehrmals gewinnt, darf bei den A-Heavies antreten.

DAS HOCHLAND AM NIEDERRHEIN
Trotz schottischen Sonnenscheins und Regenwetter wie aus dem Bilderbuch waren Anfang Mai Hunderte Zuschauer unterwegs nach Kempen, um samstags ihre Mannschaften und sonntags die Einzelwettkämpfer anzufeuern. Hierbei gab es ungemein spannende Entscheidungen.
Bei den Mannschaften war bis zum letztendlichen Tauziehwettbewerb alles offen. Der Clan der Ebronen, ein Team aus Halle und Umgebung, war 600 km weit angereist und erreichte den dritten Platz. Das Team LaTorre gruppierte sich vor Wochen in der gleichnamigen Pizzeria und überzeugte durch konstante Leistung in allen Disziplinen. Dies wurde mit einem 2. Platz belohnt. Der erste Platz ging an die Stoneheads. Angeführt von dem 140 kg Hünen Markus Vortride fanden sich hier 6 „Jungs“ zwischen 20 und 40 Jahren aus einem neu gegründeten Fitnesscenter in Nettetal zusammen.
Am zweiten Wettkampftag, dem Sonntag, waren dann die echten Highland Games angesagt. Hier zeigte sich dann auch, wie technisch anspruchsvoll die einzelnen Disziplinen sind. Der Wettkampf der B-Heavies wies so manche Überraschung auf.
Der gerade einmal 18 Jahre alte Thomas Küppers konnte sich hier dank überragender Technik vor dem fast 50 kg schwereren und 20 cm größeren Markus Vortride den 3. Platz sichern. Einen zweiten Platz gab es nicht, da sich zwei Athleten punktgleich Rang 1 teilten. Für den bereits erfahrenen Tom van der Knaap aus den Niederlanden hatte sich damit die Anreise sicher gelohnt. Volker Hampel konnte sein Glück kaum fassen. In seinem dritten Wettkampf holte sich der selbstständige Kaufmann aus Kempen vor heimischer Kulisse den Siegerpokal.
Zu erwähnen ist noch, dass Volker den Siegerpokal mit den Worten „Das Schildchen mit der 1 drauf kann ich mir jederzeit nachmachen lassen.“ an Tom, den Gast aus den Niederlanden, weiterreichte und - da ja keine zwei ersten Plätze vorgesehen waren - den Pokal mit der 2 an sich nahm. Eine faire Geste, die den Geist der Highland Games widerspiegelt.
Das konnte man dann auch immer wieder bei den dann startenden internationalen Highland Games und der offiziellen Deutschen Meisterschaften beobachten. Wenn ein Wurf misslang, wenn eine Technik nicht ganz saß, gab es nirgendwo Schadenfreude, sondern hilfreiche Tipps, selbst vom direkten Konkurrenten.
Um die Meisterschaften noch aufzuwerten, waren neben dem deutschen Teilnehmerfeld international führende Athleten eingeladen. Gregor Edmunds und Jamie Barr aus Schottland, der Weltrekordhalter im Gewichtshochwurf Wout Zijstra aus den Niederlanden und nicht zuletzt war Aaron Collins sogar aus Neuseeland angereist.
Was sich hier in Kempen den Zuschauern bot, war einfach spektakulär und wurde auch vom Publikum entsprechend mit Applaus bedacht. Trotz teilweise strömenden Regens verließ kaum einer den Platz. Zu spannend gestalteten sich die einzelnen Vergleiche und so manch einer wird wohl diesem Sport für immer als Fan erhalten bleiben. Allein schon der Vergleich zwischen den beiden Profis Zijstra und Edmundson, die sich beide „noch“ deutlich vom restlichen Teilnehmerfeld absetzten, war ein Kampf der Giganten. Die beiden Hünen schenkten sich nichts und letztendlich hatte der 28-jährige Schotte die Nase vorne.
Im internationalen Feld behauptete sich der ungemein sympathische Hans Lolkema aus den Niederlanden einmal mehr, dicht gefolgt von Jamie Barr aus Schottland. Sehr zur Begeisterung des Publikums konnten sich dann gleich zwei Deutsche Athleten auf Rang drei und vier vor den anderen internationalen Gästen behaupten. Diese beiden sollten dann auch bei den Deutschen Meisterschaften für eine Überraschung sorgen.
Hier war der Wettkampf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen fast allen Teilnehmern.
In den unterschiedlichen Disziplinen waren die Schwächen und Stärken der einzelnen Teilnehmer völlig unterschiedlich und mit Ausnahme des deutlich führenden, späteren Siegers war bis zur letzten Disziplin alles offen.
Platz Drei ging letztendlich an Andre Mannot vor seinem „Lowlander“ Teamkameraden Andreas Koch. Der Deutsche Vizetitel ging völlig überraschend an Jürgen Stickelbrock (der als erfolgreicher Athlet und Titelträger im Bodybuilding sowie Experte in Sachen Hanteltraining das Eisen gegen Kugeln und Baumstämme eingetauscht hat) aus Kempen. Der mit 42 Jahren älteste Teilnehmer im Feld holte sich die entscheidenden Punkte in seiner Paradedisziplin, dem Gewichtshochwurf.
Der Deutsche Meistertitel ging klar an Manfred Mühlenhaus. Mit einem Mal fiel der Druck der vergangenen Tage von ihm ab. Der Stress der Vorbereitung, der Organisation, der Meisterschaft. Die monatelange Suche nach Sponsoren. In diesem Moment war alles vergessen.
Die Saison geht jetzt erst richtig los, mit noch vielen Gatherings im In- und Ausland, aber eines ist sicher: Die nächsten Highland Games in Kempen werden noch größer und noch schöner. Dafür stehen die „Highlander vom Niederrhein“ ein. M&F

Wer einmal Zuschauen möchte oder Interesse an weiteren Informationen zum Verein, einer Mitgliedschaft und dem Sport allgemein hat, kann sich auf folgenden Seiten informieren: www.highlandervomniederrhein.de oder www.realdutchpower.nl.

 


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