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STARKE MÄNNER IM ROCK
Schottische Tradition trifft rheinische Manneskraft
KEMPEN, EIN KLEINES STäDTCHEN AM NIEDERRHEIN.
Wenn man das Städtchen das erste Mal betritt, scheint die Zeit stillgestanden
zu sein. Die Burg sieht aus, als ob sie noch vom Burgherrn bewohnt wird und im
Altstadtkern haben es die Städtebauer hervorragend verstanden, die Geschäfte
zu integrieren, ohne die
Atmosphäre der wunderschönen Altbauten zu stören. Aber an diesem
Wochenende ist doch einiges anders.
Ü
berall sieht man kräftige Männer in schottischer Gewandung und die
Musik aus vielen Dudelsäcken erfüllt die Stadt. Was hier so aussieht,
als wäre die altehrwürdige Stadt einem Überfall marodierender
Highlander zum Opfer gefallen, ist aber in Wirklichkeit die Kulisse für
eine überaus interessante Sportart.
DIE HIGHLAND GAMES.
Was in Schottland schon Tradition war, bevor irgendjemand an die Olympischen
Spiele der Neuzeit gedacht hat, scheint jetzt auch über die Landesgrenzen
hinaus immer beliebter zu werden. In den Niederlanden gibt es bereits eine richtige
Wettkampfsaison, innerhalb derer der Niederländische Meister ermittelt wird.
Dank Manfred Mühlenhaus fanden in diesem Jahr bereits die 3. Highland Games
in Kempen statt. Und in diesem Jahr sind es sogar die ersten, vom Dachverband
IHGF anerkannten, offiziellen Deutschen Meisterschaften.
Der 1,92 m große und 138 kg schwere Hüne blickt auf eine lange sportliche
Karriere zurück. Zunächst als Eishockeysspieler sogar in der Bundesliga
aktiv, entdeckte man ihn später für American Football. Bei einem Schottlandurlaub
vor einigen Jahren stieß er auf die Highland Games und war sofort Feuer
und Flamme. Fortan trainierte er für diese Sportart und wurde von so manch
einem als Spinner abgetan. Manfred ließ sich hiervon aber nicht beirren.
Er nahm an diversen Meisterschaften im Ausland teil, und erwarb sich bald den
Respekt vieler Sportskollegen. Darüber hinaus wurde Manfred aber auch nicht
müde, die Highland Games auch anderen nahe zu bringen. Wie sich heute zeigt
mit großem Erfolg.
Der Verin „HIGHGLANDER VOM NIEDERRHEIN e.V.“ wurde nach dem großen
Erfolg der „1st Kempen Highland Games“ am 14. Juni 2003 offiziell
gegründet. Von den acht Gründungsmitgliedern nehmen vier an sportlichen
Wettkämpfen teil. Der Verein hat zum Ziel, den Menschen eine Anlaufstelle
zu bieten, um mehr über die „Spiele“ und die Traditionen der
Highlands zu erfahren. Natürlich hat man auch die Möglichkeit, sich
selbst in den verschiedenen Disziplinen zu versuchen. Der Verein wächst
stetig und neue Vereine gründen sich in Deutschland, wie z.B. der Clan der
Ebronen in Halle und die Lowlander aus Kropp in Schleswig Holstein. Letztere
brillierten zuletzt mit ihrem spektakulären Auftritt bei Wetten, dass…?
und sind auch Ausrichter der viel besuchten Spiele in Machern bei Leipzig.
DIE DISZIPLINEN
Die Highland Games haben Ihren Ursprung in keltischen Traditionen. Sie fanden
bereits im 10. Jahrhundert statt und gehören zu den wohl außergewöhnlichsten
und traditionsreichsten Sportveranstaltungen, die es gibt.
Unterstützt von Königen und Clan Chiefs boten sie neben guter Unterhaltung
auch die Möglichkeit, Soldaten zu rekrutieren oder auch Männer als
Bodyguards oder Kuriere zu ermitteln.
Zwischen Mai und September versammelten sich die Dorfbewohner an verschiedenen
Orten um untereinander ihre Kräfte in verschiedenen Disziplinen zu messen.
Dabei verwendeten sie als Sportgeräte Gegenstände ihres täglichen
Lebens.
Diese Tradition wird bis heute fortgeführt - typisch schottisch ist, dass
die Athleten weiterhin im Kilt (Schottenrock) gegeneinander antreten.
Putting The Stone ähnelt dem Kugelstoßen, wie man es aus der Leichtathletik
kennt. Jedoch wird anstatt einer Stahlkugel ein Stein von 7,25 kg und/oder 10
kg benutzt.
Throwing The Weight erinnert an das klassische Hammerwerfen. Der Unterschied
besteht darin, dass das Gerät 12,7 kg und/oder 25,5 kg wiegt, eine Gesamtlänge
von maximal 43 cm hat und mit nur einer Hand gehalten und geworfen wird.
Weight Over Barr Bei dieser Disziplin wird ein 25,5 kg schweres Gewicht nach
oben über eine Stange (Barr) katapultiert. Dieses geschieht mit nur einem
Arm.
Scottish Hammer Hier wird eine 7,25 kg und/oder 10 kg schwere Kugel, die an einem
127cm langen Rattanstab befestigt ist, mit dem Rücken zum Feld stehend geschleudert
und nach hinten weggeworfen. Die Füße dürfen sich erst bewegen,
wenn der Hammer die Hände verlassen hat.
Tossing The Caber ist die wohl spektakulärste Disziplin. Ein zwischen 4,80
m und 6,00 m langer und 40 bis 90 kg schwerer Baumstamm wird hochkant angehoben.
Mit einem kurzen Anlauf versucht man dann den Baum so zu werfen, dass dieser
sich um 180 Grad dreht, aufsetzt und dann so gerade wie möglich nach vorne
kippt (sog. 12-Uhr-Linie). Bei Tossing The Caber geht es nicht um die erzielte
Weite, sondern um die perfekte Falllinie.
Als Vorstufe zu den eigentlichen Highland Games finden vielfach Mannschaftswettbewerbe
statt. Hierbei messen sich Teams von jeweils 5 Personen in den unterschiedlichsten
Disziplinen. Neben den 5 klassischen Wettbewerben findet man hier vom Bogenschießen über
das 5-Mann-Baumstamm- slalomrennen bis hin zum Tauziehen die unterschiedlichsten
Aktivitäten. Dieser Mannschaftswettbewerb ist wirklich etwas für jedermann.
Hier findet sich vom Kegelclub bis zum Fitnesscenter alles ein. Durch die geschickte
Abwägung von Geschicklichkeits- und Kraftwettbewerben sind die Chancen recht
gleichmäßig verteilt. In Machern bei Leipzig waren im letzten Jahr
30 Teams am Start, darunter auch Damen und Kindermannschaften, die natürlich
separat gewertet werden.
Die jeweils Punktbesten in den klassischen Disziplinen qualifizieren sich für
den Wettbewerb der B-Heavies. Das ist gewissermaßen die 2. Liga der Highland
Games.
Wer dort mehrmals gewinnt, darf bei den A-Heavies antreten.
DAS HOCHLAND AM NIEDERRHEIN
Trotz schottischen Sonnenscheins und Regenwetter wie aus dem Bilderbuch waren
Anfang Mai Hunderte Zuschauer unterwegs nach Kempen, um samstags ihre Mannschaften
und sonntags die Einzelwettkämpfer anzufeuern. Hierbei gab es ungemein spannende
Entscheidungen.
Bei den Mannschaften war bis zum letztendlichen Tauziehwettbewerb alles offen.
Der Clan der Ebronen, ein Team aus Halle und Umgebung, war 600 km weit angereist
und erreichte den dritten Platz. Das Team LaTorre gruppierte sich vor Wochen
in der gleichnamigen Pizzeria und überzeugte durch konstante Leistung in
allen Disziplinen. Dies wurde mit einem 2. Platz belohnt. Der erste Platz ging
an die Stoneheads. Angeführt von dem 140 kg Hünen Markus Vortride fanden
sich hier 6 „Jungs“ zwischen 20 und 40 Jahren aus einem neu gegründeten
Fitnesscenter in Nettetal zusammen.
Am zweiten Wettkampftag, dem Sonntag, waren dann die echten Highland Games angesagt.
Hier zeigte sich dann auch, wie technisch anspruchsvoll die einzelnen Disziplinen
sind. Der Wettkampf der B-Heavies wies so manche Überraschung auf.
Der gerade einmal 18 Jahre alte Thomas Küppers konnte sich hier dank überragender
Technik vor dem fast 50 kg schwereren und 20 cm größeren Markus Vortride
den 3. Platz sichern. Einen zweiten Platz gab es nicht, da sich zwei Athleten
punktgleich Rang 1 teilten. Für den bereits erfahrenen Tom van der Knaap
aus den Niederlanden hatte sich damit die Anreise sicher gelohnt. Volker Hampel
konnte sein Glück kaum fassen. In seinem dritten Wettkampf holte sich der
selbstständige Kaufmann aus Kempen vor heimischer Kulisse den Siegerpokal.
Zu erwähnen ist noch, dass Volker den Siegerpokal mit den Worten „Das
Schildchen mit der 1 drauf kann ich mir jederzeit nachmachen lassen.“ an
Tom, den Gast aus den Niederlanden, weiterreichte und - da ja keine zwei ersten
Plätze vorgesehen waren - den Pokal mit der 2 an sich nahm. Eine faire Geste,
die den Geist der Highland Games widerspiegelt.
Das konnte man dann auch immer wieder bei den dann startenden internationalen
Highland Games und der offiziellen Deutschen Meisterschaften beobachten. Wenn
ein Wurf misslang, wenn eine Technik nicht ganz saß, gab es nirgendwo Schadenfreude,
sondern hilfreiche Tipps, selbst vom direkten Konkurrenten.
Um die Meisterschaften noch aufzuwerten, waren neben dem deutschen Teilnehmerfeld
international führende Athleten eingeladen. Gregor Edmunds und Jamie Barr
aus Schottland, der Weltrekordhalter im Gewichtshochwurf Wout Zijstra aus den
Niederlanden und nicht zuletzt war Aaron Collins sogar aus Neuseeland angereist.
Was sich hier in Kempen den Zuschauern bot, war einfach spektakulär und
wurde auch vom Publikum entsprechend mit Applaus bedacht. Trotz teilweise strömenden
Regens verließ kaum einer den Platz. Zu spannend gestalteten sich die einzelnen
Vergleiche und so manch einer wird wohl diesem Sport für immer als Fan erhalten
bleiben. Allein schon der Vergleich zwischen den beiden Profis Zijstra und Edmundson,
die sich beide „noch“ deutlich vom restlichen Teilnehmerfeld absetzten,
war ein Kampf der Giganten. Die beiden Hünen schenkten sich nichts und letztendlich
hatte der 28-jährige Schotte die Nase vorne.
Im internationalen Feld behauptete sich der ungemein sympathische Hans Lolkema
aus den Niederlanden einmal mehr, dicht gefolgt von Jamie Barr aus Schottland.
Sehr zur Begeisterung des Publikums konnten sich dann gleich zwei Deutsche Athleten
auf Rang drei und vier vor den anderen internationalen Gästen behaupten.
Diese beiden sollten dann auch bei den Deutschen Meisterschaften für eine Überraschung
sorgen.
Hier war der Wettkampf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen fast allen Teilnehmern.
In den unterschiedlichen Disziplinen waren die Schwächen und Stärken
der einzelnen Teilnehmer völlig unterschiedlich und mit Ausnahme des deutlich
führenden, späteren Siegers war bis zur letzten Disziplin alles offen.
Platz Drei ging letztendlich an Andre Mannot vor seinem „Lowlander“ Teamkameraden
Andreas Koch. Der Deutsche Vizetitel ging völlig überraschend an Jürgen
Stickelbrock (der als erfolgreicher Athlet und Titelträger im Bodybuilding
sowie Experte in Sachen Hanteltraining das Eisen gegen Kugeln und Baumstämme
eingetauscht hat) aus Kempen. Der mit 42 Jahren älteste Teilnehmer im Feld
holte sich die entscheidenden Punkte in seiner Paradedisziplin, dem Gewichtshochwurf.
Der Deutsche Meistertitel ging klar an Manfred Mühlenhaus. Mit einem Mal
fiel der Druck der vergangenen Tage von ihm ab. Der Stress der Vorbereitung,
der Organisation, der Meisterschaft. Die monatelange Suche nach Sponsoren. In
diesem Moment war alles vergessen.
Die Saison geht jetzt erst richtig los, mit noch vielen Gatherings im In- und
Ausland, aber eines ist sicher: Die nächsten Highland Games in Kempen werden
noch größer und noch schöner. Dafür stehen die „Highlander
vom Niederrhein“ ein. M&F
Wer einmal Zuschauen möchte oder Interesse an weiteren Informationen
zum
Verein, einer Mitgliedschaft und dem Sport allgemein hat, kann sich auf folgenden
Seiten informieren: www.highlandervomniederrhein.de oder www.realdutchpower.nl.
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