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JAY CUTLER AN ZWEITER STELLE

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JAY
An zweiter Stelle Von Shawn Perine

Er wird allgemein als der beste Bodybuilder, der nicht den Namen Coleman trägt, betrachtet – aber kann Jay Cutler den Großen gewinnen?

Paula Radcliffe kennt seinen Schmerz. Greg Norman? Er weiß es. Tim Henman…definitiv.

Hervorragende Athleten, alle von ihnen, jeder mit einem garantierten Platz im Pantheon der Legenden ihres Wahlsports. Aber Paula, Greg und Tim haben eine problematische Ähnlichkeit, ein Fleck auf ihrer ansonsten herausragenden Karriere: sie haben den Großen nicht gewonnen. IFBB-Profi Jay Cutler steht jetzt an demselben Abgrund. Als dreifacher Arnold Classic-Sieger gehört er auf jeden Fall zu den Elite-Bodybuildern dieser Zeit. Eigentlich ist er sogar der zweitbeste Bodybuilder der Welt, mit nur noch einer Hürde vor ihm. Bis jetzt ist Jay nicht in der Lage gewesen, den mächtigen, siebenfachen Mr. Olympia, Ronnie Coleman, von seinem Thron zu stoßen.
Die Zeit läuft und die Chance, den Großvater der Bodybuildingwettkämpfe zu gewinnen, kommt nur einmal im Jahr. Da Jays angebliches Rentenalter bald bevorsteht, gibt es keinen Zweifel – wenn er irgendeine Hoffnung hegt, sich einen Mr. O-Titel zu holen, dann wird es Zeit.
COOL UNTER DRUCK Wenn Jay solch eine mentale Last auf seinen Schultern trägt, dann weiß man es nicht. Er schreit nicht, schmollt nicht und flippt nicht aus. Er zeigt seinen Kollegen Respekt und seinen Fans Bescheidenheit. Er ist der vollkommene Profi, ob in der Hitze des Wettkampfgefechts oder bei einem Fototermin.
Vielleicht ist seine Gelassenheit die Folge seiner Kindheit als jüngstes von neun Familienmitgliedern. Vielleicht ist es auch eine Ehefrau wie Kerri, die hinter ihm steht, auch wenn sie gerade ihren eigenen Magister in Krankenpflege macht und ihren Mann trotzdem die Art von Unterstützung gibt, auf die alle großen Männer aufbauen. Oder er stammt von der Zuversicht, die fast 136 kg eisenharte Muskeln, im Laufe von 13 Jahren aufgebaut, einem Mann geben.
Aber es wäre nicht falsch, wenn er gelegentlich unter dem Druck – nur ein wenig – brechen würde. Man würde ihm einen Schuss hier, einen Wutanfall dort, einen abtrünnigen Fluch vor einem leicht zu beeindruckenden, jungen Fan gelegentlich verzeihen. Es wäre okay, wenn Jay gelegentlich seine Fassung verlieren würde.
Schließlich hat er die Rolle des Thronfolgers auf den inoffiziellen Titel Bestgebauter Mann der Welt in den letzten vier Jahren gespielt, da er seit 2001 dreimal Zweiter beim Olympia wurde, obwohl der Kerl an der Spitze keine Anstalten macht, bald abzutreten. Aber Jay ist nicht zusammengebrochen und entgegen der Spekulation, die von dem Mann vor ihm auf der Leiter in Umlauf gebracht wurde, raucht ihm auch nicht der Schädel.

BÖSE ZUNGEN Beim Samstagabend-Finale des letztjährigen Mr. Olympia, das am 30. Oktober im Mandalay Bay Resort and Casino stattfand, zuckten die Kameralichter des Pay-TVs durch den dürftig beleuchteten Backstage-Bereich wie ein Schwarzenegger-Witz durch eine Pressekonferenz. Während die sechs Finalisten zwischen den Wettkampfrunden hinter der Bühne waren, schaffte es der Kommentator Dan Solomon, die beiden angeblichen Titelkämpfer Ronnie und Jay zu packen, in der Hoffnung, einige verbale Leckerbissen aufzuschnappen. Er bekam jede Menge.
Während das Publikum live auf den gigantischen Bildschirmen an der Seite der Bühne zusah, fragte Solomon Jay, ob der sechsfache, amtierende Champion, der neben ihm stand, besiegbar wäre. Der Herausforderer war, wie immer, ehrlich und doch reserviert. Ja, Jay glaubte nicht nur, dass Ronnie besiegbar wäre, er selbst war bereit, dem Olympia-Publikum zu zeigen, wie besiegbar der amtierende Champion an dem Abend war. Solomon drehte sein Mikrofon zu Big Ron für eine Reaktion.
„Jay muss heute morgen etwas von dem Crack geraucht haben“, entgegnete der massivste Bulle, der je aus Arlington, Texas, gekommen ist. Ein Schwall unglaublichen Gelächters kam aus dem Publikum. Ronnies TV-reifer Spruch war, selbst als Scherz, einer verbaler Schlag ins Gesicht – die Art, die die Mike Tysons der Sportwelt veranlasst, die Fäuste sprechen zu lassen.
Doch dort stand Jay, ein leichtes Grinsen runzelt die gebräunte, straffe Haut um seinen Mund herum. Schließlich weiß er einen guten Witz zu schätzen, auch wenn dieser auf ihn abzielt. Außerdem mag er Ronnie, fast so sehr wie er den Mann respektiert. Aber weder die Bemerkung, noch das Gelächter, noch der zweite Platz, den er kurz danach bekam, würden Jays Ansicht ändern: Ronnie Coleman ist besiegbar und ich bin der Mann, der ihn schlagen wird.
Und wenn niemand außer Kerri glaubt, dass Jay fähig ist, den Giganten, welcher der dominanteste Champion in diesem Sport ist, zu schlagen, dann versteht er das. Bis zum letzten Jahr war er schließlich selbst nicht sicher, dass er es schaffen könnte.
STARKER GLAUBE „Die Erkenntnis, dass ich wirklich der Beste sein könnte, kam mir dieses Jahr“, gibt Jay zu. „Zuvor ging es um den Sieg der Arnold Classic, darum, viel Geld zu verdienen (durch Möglichkeiten wie seinen Werbevertrag mit MuscleTech) und hoffentlich beim Olympia in der Top 3-5 zu sein. Aber ich habe noch ein Ziel in meiner Karriere, und das ist, der Beste zu sein.“
Es ist eine überraschende Enthüllung in Angesicht der Tatsache, dass Jay so viele Jahre so nah an der Spitze seines Berufs gewesen ist. Doch wie er es beschreibt, war es nie sein Ziel, die Spitze anzuführen, sondern eher, weit oben auf der Wettkampfleiter zu stehen.
„Als ich mit dem Bodybuilding anfing, hätte ich nie gedacht, dass ich bis hier kommen würde. Die Leute fragen mich heute, ob es immer mein Ziel war, der beste Bodybuilder der Welt zu werden, und die Antwort ist nein. Ehrlich, ich wollte irgendwo der Beste sein, aber ich war nicht sicher, dass es das Bodybuilding sein würde. Dann, als ich an den Teen Nationals teilnahm, wollte ich gar nicht gewinnen, aber ich tat es. Als ich zu den Nationals ging, meinem dritten Wettkampf, hoffte ich wirklich, etwas Publicity zu bekommen. Aber ich gewann auch dort und holte mir meine Profi-Lizenz.“
Selbst ein umstrittener und knapper Verlust beim Mr. Olympia 2001 war nicht genug, „Iron“ Jay zu überzeugen, dass er Sieger-Kaliber hat, obwohl es seine Augen für neue Möglichkeiten öffnete.
„Ich glaube, das war das Jahr, in dem ich anfing, mein volles Potenzial als Bodybuilder zu erkennen und von da an war ich überzeugt, dass ich ein Spitzenathlet bleiben wollte. Aber ich war immer noch nicht sicher, dass ich den Mr. Olympia gewinnen könnte. Wenn es geschah, geschah es.“
Und so ging das die nächsten zwei Jahre. Jay nahm teil und gewann die renommierte Arnold Classic 2002, setzte aber beim Olympia aus, nicht wegen angeblicher Frustration aufgrund seiner Niederlage im vorherigen Jahr, sondern wegen seines Umzugs von Los Angeles nach Las Vegas.
Im März 2003 holte er sich noch eine Arnold Classic-Statue und den Hummer, die Rolex und den Scheck über 110.000 Dollar. Er gewann auch den Ironman Pro Invitational und San Francisco Pro Invitational in dem Jahr, stellte sich abermals als einzig wahre Bedrohung für König Ronnie dar.
Aber Ron hatte andere Pläne. Angestachelt von der Kritik, die nach den schlechteren Olympia-Bewertungen schwer auf seinen mächtigen Schultern lastete, schaltete Ronnie beim O 2003 einen Gang höher, auf ein Entwicklungsniveau, das Fans, Kampfrichter und Konkurrenten ihre Köpfe ungläubig schütteln ließ. Bei 1,80 m Körpergröße und 130 kg Gewicht war er einfach außerirdisch - und im Bodybuilding gewinnt außerirdisch Olympia-Titel.
Nach dem Wettkampf musste auch Jay denjenigen zustimmen, die sagten, dass es im Bodybuilding Ronnie gibt und dann lange Zeit nichts mehr. Nein, der zweite Platz muss reichen. Hey, zweiter Platz ist nicht schlecht – es bedeutet, dass man besser als fast jeder andere Bodybuilder der Welt ist. Fast. Aber nicht ganz.

MEINUNGSÄNDERUNG Ein typischer IFBB-Profi bringt außerhalb der Saison zwischen 109 und 145 kg auf die Waage, ein Körpergewicht, dass durch massive Mengen Nahrung und brutales Gewichtstraining auf täglicher Basis erreicht wird. Kombinieren Sie das mit einer 12-wöchigen Wettkampfdiät, die zu einem völligen Entzug der Wasserzufuhr führt, um am Wettkampftag „trocken“ zu sein, und Sie haben ein Rezept für eine Fülle von körperlichen Leiden.
Jay weiß das und er kämpft täglich damit. „Jeder, der mich kennt, wird bestätigen, dass es mir in diesem Sport an erster Stelle darum geht, meine Gesundheit zu schützen“, sagt er. Was erklärt, warum Jay, fast vom Anfang seiner Profi-Karriere 1997 öffentlich gesagt hat, dass er vom Wettkampf zurücktreten will, wenn er 32 oder 33 ist. Wenn andere darüber sprachen, alles zu tun, um an die Spitze zu kommen, sprach er von seinem Wunsch, mit guter Gesundheit aufzuhören, mit Olympia-Titel oder ohne. Er sah eine Zukunft für sich, und Kerri, mit ihrer jahrelangen Ausbildung, eine Kraft in der Krankenpflege zu werden. Sie erinnerte ihn regelmäßig sanft daran, dass es am besten wäre, ein Körpergewicht von weniger als 136 kg beizubehalten.
Doch auch wenn Gesundheitsfragen Jay einst davon ablenkten, nach einem Olympia-Titel zu streben, dienen sie jetzt als Motivation für ihn, es noch einmal zu versuchen, sich den höchsten Preis zu holen. Mit dieser Feder in seinem Hut könnte er seine Karriere dann sofort beenden. Und er muss nicht siebenmal gewinnen wie Ronnie. Einmal wäre schön. Dann könnte er den Sport mit einem klaren Bewusstsein verlassen, wissend, dass er alles nur Mögliche getan hat, um sich seinen Platz in der Bodybuildinggeschichte zu sichern.
Mit 31 ist Jay nach Profi-Maßstäben noch jung genug, aber er hat nicht vor, noch mit 40 (Ronnies derzeitiges Alter) Öl aufzutragen und Posinghosen zu tragen. Vielleicht wird er nicht mit 33 zurücktreten – seine regelmäßigen, beispielhaften Gesundheitsprüfungen geben ihm die Zuversicht, den Rücktritt aufzuschieben – aber er weiß, der Sand in der Wettkampfuhr läuft durch, für ihn und seinen angeberischen Feind. Wenn er die begehrte Sandow also gewinnen will – und ‚Den Mann’ besiegen möchte – dann sollte er besser loslegen. Was bedeutet, keine Energie mehr auf den Wettkampf zu verschwenden, der irgendwie sein persönliches Meisterstück in den letzten drei Jahren geworden ist – die Arnold Classic.
„Den Körper für zwei Wettkämpfe zu verschleißen, ist sehr stressig“, sagt Jay. „Ronnie kommt nur einmal pro Jahr in Topform und ich weiß jetzt, dass ich das auch machen muss, wenn ich auf dem Spielfeld auf dem Niveau gegen ihn antreten will. Aus dem Grund muss ich von der Arnold Classic zurücktreten und all meine Energie auf den Olympia konzentrieren.“
Also hat Jay zum ersten Mal in seiner achtjährigen Profi-Karriere den grausamen Akt der Vorbereitung auf mehrere Wettkämpfe in einer Saison ausgelassen, um sich für den Super Bowl des Bodybuilding im Oktober aufzusparen. Diese Strategie, glaubt er, ist das fehlende Teil in dem Puzzle, das seine Bodybuildingkarriere ist. Aber das hat seinen Preis.
„Es bringt mich um, dieses Jahr nicht an der Arnold Classic teilzunehmen. Ich liebe es, auf die Bühne zu gehen, und ich liebe den Sieg. Aber die Realität ist, dass ich das hier machen muss, um endlich der Beste zu werden“, sagt Jay nüchtern.
Man bemerkt nur wenig Eile in seiner Stimme, während er seine persönliche Geschichte erzählt und den alles-oder-nichts Plan, der den Kurs seiner Zukunft – und der des Bodybuildings – für immer verändern wird. Aber so ist es mit Jay immer. Es braucht viel mehr, um ihn aufzuscheuchen, als Karriere-Entscheidungen, Momente des Selbstzweifels oder auch Crack-Witze, die auf seine Kosten vor einer TV-Kamera gemacht werden. Nicht einmal der Gedanke, den erstaunlichsten Athleten in der Bodybuildinggeschichte zu besiegen, um sein Ziel zu erreichen, ist genug, Jay aus der Fassung zu bringen. Wie immer wird er seine Last ruhig, stoisch tragen, bis er sein Ziel erreicht hat. Dann vielleicht, aber nur vielleicht, wird man sehen, wie er selbige verliert. Aber wetten Sie nicht darauf. M&F

Shawn Perine ist Redakteur für die FLEX und veröffentlicht die Bodybuilding-Website www.ironage.us.

Cutlers Wettkampf-Lebenslauf
2004: Arnold Classic, Sieger; Mr. Olympia, Zweiter.
2003: Ironman Pro Invitational, Sieger; Arnold Classic, Sieger; San Francisco Pro Invitational, Sieger; Mr. Olympia, Zweiter; Show of Strength Pro Championships, Zweiter; Russland Grand Prix, Zweiter; England Grand Prix, Sieger, Holland Grand Prix, Sieger.
2002: Arnold Classic, Sieger.
2001: Mr. Olympia, Zweiter.
2000: Night of Champions, Sieger; Mr. Olympia, Achter; World Pro Championships, Zweiter; England Grand Prix, Zweiter.
1999: Ironman Pro Invitational, Dritter; Arnold Classic, Vierter; Mr. Olympia, 15.
1998: Night of Champions, 12.
1996: NPC Nationals, Sieger im Schwergewicht (Profi-Qualifikation).
1993: NPC Teen Nationals, Sieger im Schwergewicht.

 


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