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LEBENS-MUT

JANUAR 2005 Untitled Document

Lebensmut
Simon Robinson war ein Champion-Bodybuilder, als ein Autounfall ihn das rechte Bein kostete. Glücklicherweise war sein bester Körperteil sein Herz VON JEFF O’CONNELL


1) Die Ölspur, auf die SIMON ROBINSON am 25. März 1998 auf einer kurvenreichen Straße in England traf, veränderte in einer Sekunde den Kurs seines BMWs. Der Wagen schlitterte.
Ein Milchlaster näherte sich. Sie trafen sich frontal. Simon erinnert sich nicht an den Aufprall. Dafür kann er dankbar sein. Er erinnert sich nicht, wie seine Milz riss, die Wirbel in seiner Wirbelsäule sich verbogen, seine Schultern aus ihren Gelenken sprangen, beide Beine zertrümmert waren und sein Kiefer, die Nase und die Wangenknochen brachen, letztere an drei Stellen. Er erinnert sich nicht daran, eingeklemmt gewesen zu sein. Es obliegt Kerry Kayes, dem Mann, den er an dem Tag besuchen wollte, den Unfall sechs Jahre später beim Frühstück zu erklären. Auch Simon hört zu. Die Ölspur veränderte den Verlauf seines Lebens für immer.
Das Timing hätte das Schicksal des damals 31-Jährigen nicht grausamer verdrehen können. Er war ein großes Fußballtalent, das es sogar bis zu den Profis schaffte, und dann durfte er bei der Olympiade in Seoul England im Tae-Kwon-Do repräsentieren. Schließlich, nach einem anstrengenden, jahrzehntelangen Aufstieg, hatte er den Gipfel im Bodybuilding erreicht, gewann dank eines herausragenden 109 kg schweren Körpers die englischen Meisterschaften der World Amateur Bodybuilding Association (WABA).
Dieser Körper lag jetzt auf der Intensivstation des Royal Oldham Hospital, gebrochen. Wie behandelt man solch verheerende Verletzungen? Wo soll man da anfangen? Sobald ein schweres Drama ausgeschlossen werden konnte, pumpten die Notfallmediziner eine Reihe kraftvoller Medikamente in seinen Blutkreislauf, was zum Koma führte. Erst dann konnten die Chirurgen anfangen, den schmerzhaften Prozess, sein Skelett zusammen zu bauen, beginnen. Die schlimmsten Verletzungen betrafen Simons rechtes Bein, das unterhalb des Knies kaum noch zu erkennen war, die gesamte Wadenmuskulatur war abgerissen. Offene Wunden und die daraus resultierenden Infektionen hatten das Bein toxisch gemacht. Massive Dosen Antibiotika wurden verabreicht, aber das Gift kroch weiter sein Bein hinauf. Am 2. April hatten die Chirurgen keine Wahl. Sie amputierten zuerst das Bein unterhalb des Knies; das würde Simon das Gehen später erleichtern. Nur das Gift kroch höher. Schließlich mussten sie oberhalb des Knies schneiden, um Simons Leben zu retten. Innerhalb von 12 Stunden nach seiner zweiten Operation fing seine Temperatur endlich an, zu fallen.
In glücklicheren Zeiten schien Simons Bein, der als eines von neun Kindern in Mansfield, im Herzen von Englands Stahlland, aufwuchs, dazu bestimmt, ihn weit weg von seiner düsteren Umgebung zu führen. Da er schnell war, war er ein Ass im Rugby, Speerwerfen, Cricket – fast jedem Sport, den er ausübte. Aber es war das Grün des Fußballfelds, das sein Entkommen bot. Simon war so gut, dass er sogar auf nationalem Niveau spielte, bevor er sich bei den Profis bewarb, obwohl sein Augenlicht ihn davon abhielt, es zu schaffen. Er konnte beim Spiel keine Brille tragen und sein Vater, ein Kohlearbeiter, und seine Mutter, eine Fabrikarbeiterin, könnten sich Extravaganzen wie Kontaktlinsen nicht leisten, da so viele Mäuler zu stopfen waren.

2) NACH DEM UNFALL WARTETEN Simons Partnerin, Louise Parkin, und ihre Familien besorgt außerhalb der Intensivstation. Das galt auch für Kayes, seit Jahren ein bekannter Name in der britischen Bodybuildingszene und Dorian Yates Partner in der Ergänzungsbranche. Er war vor dem Unfall Simons Mentor. Das kann ihre heutige Verbindung nicht beschreiben.
Nach fast zwei Wochen und vielen Operationen war es Zeit, Simon aus dem Koma zu holen. Solche Patienten können unfreiwillig gewalttätig werden, also bat das Krankhaus Kayes, neben ihm zu warten. Da er selbst nicht wusste, was er zu erwarten hatte, brachte er zwei weitere Bodybuilder mit. Es dauerte fast einen Tag, bis Simon aus dem Koma erwachte, sein Bewusstsein zurückkehrte. Träume und Realität mussten entwirrt werden. Kayes Gesicht wurde endlich deutlicher. Simon versuchte, zu sprechen, aber sein Kiefer war zugebunden.
„Ich musste Simon sagen, dass er einen schweren Autounfall hatte“, erinnert sich Kayes. „Er konnte nicht sprechen und sich nicht gut bewegen, aber er fing an, recht erregt zu werden. Und es wurde sofort klar, dass Simon dachte, er wäre entstellt. Also sagte ich sofort zu den Krankenschwestern, ‚Holen Sie mir einen Spiegel, schnell!’ Ich hielt ihn vor Simons Gesicht. Er war mit weißem Verband verbunden und dann zog er an einem seiner Beine, es war in Gips. Ich sagte, ‚Simon, dein Bein ist gebrochen.’ Und dann zog Simon an seinem anderen Bein und ein Stumpf kam unter der Decke hervor. Sein Gesicht sah so aus“, sagt Kayes, während er den Ausdruck von blankem Horror nachahmt. „Ich legte meine Arme um ihn und sagte, ‚Simon, sie mussten dir das Bein abnehmen.’ Was kann man sonst sagen?“
Zu den surrealen Erlebnissen, die Simon während des künstlichen Komas hatte, gehörte ein Phänomen, das als Phantomschmerz bekannt ist. Sein rechter Fuß war nicht mehr da, aber er konnte ihn immer noch fühlen. Und die Maßnahmen, die verabreicht wurden, forderten ihren eigenen Tribut. Am 16. April begann er, Blut zu spucken. Zahlreiche Medikamente wurden genutzt, um den Schmerz zu bekämpfen, und zahlreiche andere, um das Fieber zu senken, und so viele Chemikalien, die seinen Magen passierten, perforierten die Wände, führten zu starken, inneren Blutungen. Das verlangte nach noch einer Operation und der Beseitigung eines kleinen Teils seines Magens.
Simons linkes Bein war so böse verletzt, mit Brüchen an 10 unterschiedlichen Stellen, dass es in fast jeder anderen Situation hätte amputiert werden müssen. Der Erfolg war auf keinen Fall sichergestellt, aber die Ärzte wählten eine langwierige, hart erkämpfte Kampagne, um es zu retten. Da Simon bereits Teil eines Beins verloren hatte, würde es seinen zukünftigen Lebensstil stark einschränken, noch Teil des zweiten zu verlieren. Sie bemerkten auch die ansonsten außergewöhnliche, körperliche Verfassung eines Champion-Bodybuilders. Falls irgendjemand das Zeug hat, um das zweite Bein zu behalten, dann war es Simon, dachten die Ärzte.
Sie dachten zu Recht, dass er nicht sterben würde. Schließlich wurden Simons Träume, Profi-Fußball zu spielen, durch eine gleiche Leidenschaft für Kampfsport ersetzt, nämlich Tae-Kwon-Do. Ende der 80er Jahre war Simon der beste Mittelgewichtskämpfer in England. Er kämpfte um einen Platz im Olympischen Team, da Tae-Kwon-Do bei den Spielen in Seoul im Jahre 1988 als Demonstrationssportart eingeführt wurde. In einer umstrittenen Entscheidung verpasste er den offenen Platz ganz knapp.

3) EIN ALTES CHINESISCHES SPRICHWORT SAGT, dass eine Reise von tausend Meilen mit einem einzigen Schritt beginnt, aber Simon hätte nach dem Unfall nicht einmal kriechen können. „Ich ließ die Krankenschwestern einen dieser A-Rahmen über dem Bett aufhängen und ich versuchte, ihn zu erreichen, aber schaffte es nicht“, sagt Simon. „Ich hatte nicht die Kraft. Die Krankenschwester musste meinen Arm darauf legen. Er war unglaublich ermüdend. Ich war so schwach.“
Aufstehen war eine schwere Aufgabe, der ehemals einfache Akt jetzt härter als seine anstrengendsten Trainingseinheiten als Bodybuilder. Als er endlich die Kraft fand, aus dem Bett aufzustehen, musste Simon lernen, wieder zu laufen. Der Fortschritt im ersten Jahr wurde anhand einer Folge von Gehrahmen, Krücken und Rollstühlen gemessen. Er probierte auch unterschiedliche Prothesen. Die „Einfassungen“ musste angepasst werden, da die Schwellung um den Stumpf seines rechten Beins herum kleiner wurde. Obwohl der Fortschritt langsam aus so tiefen Abgründen kam, kam Simon vorwärts.
Seine Reha war zumindest teilweise erfolgreich, weil er von den täglichen Anstrengungen, die Bodybuildingfortschritt erfordert, kampferprobt war. Simon widmete sich zuerst dem ernsthaften Gewichtstraining, als er anfing, seinen Körper für Tae-Kwon-Do zu kräftigen. Er verliebte sich so sehr in das Training, das er nach dem Versäumen der Olympiade eine Karriere im Bodybuilding anstrebte. Seine enorme Schnelligkeit war keine Hilfe mehr, aber Simons natürliche Athletik war sehr hilfreich. Sechs Monate später, im Jahr 1990, gewann Simon einen örtlichen Wettkampf und dann einen regionalen, die North Midlands Championships der English Federation of Bodybuilders (EFBB), die von Peter McGough veranstaltet wurden, jetzt Chefredakteur der US-FLEX. McGough sagt: „Er sah damals gut aus, aber ich sah später Fotos von ihm, vor dem Unfall, und dachte, da ich wusste, wie es in England läuft, dass er jede Chance hatte, bei den Englischen Meisterschaften eine Profi-Lizenz gewinnen könnte.“
Ende der 90er Jahre, nach einem langen, schmerzhaften Aufstieg in dem Sport, schien Simon kurz davor zu stehen. Und erreichte zumindest einen Gipfel des englischen Bodybuildings, indem er 1998 den WABA-Titel gewann.

4) ENDLICH EIN CHAMPION FUHR Simon die ca. 160 km nach Mansfield, um Kayes in Manchester zu treffen. Die beiden verbrachten Zeit im Studio und gingen dann in die Ergänzungsfabrik von Dorian Yates Approved, planten Simons Zukunft. Simon stieg in sein Auto und fuhr an dem Nachmittag nach Hause. Man glaubt, dass ein Öllaster, der die Straße entlang fuhr, Öl verlor und eine 40 km lange Spur hinterließ. Fast ein Dutzend Unfälle passierten an dem Abend auf dieser Straße. Simons war wohl der schlimmste.
Simon kam nach drei Monaten im Krankenhaus endlich nach Hause. Kayes sagt, dass er bis heute nie gehört hat, dass sich Simon einmal beklagt hätte. McGoughs erstes Treffen mit Simon nach dem Unfall kam 2000 beim English Grand Prix. „Anschließend war ein Bankett und ich ging an die Bar und ein Mann
dort fing an, mit mir zu sprechen – ‚Wie geht es, Pete? Wir haben uns lange nicht gesehen.’ Ich erkannte plötzlich, dass es Simon war und ich wusste von dem Unfall, aber es war nicht die Rede von ‚Hast du gehört, was passiert ist? Ich hatte ein echt schlimme Zeit.’ Er machte einfach weiter und das verkörpert ihn irgendwie. Er hat etwas verloren und macht einfach weiter.“
Simon war innerhalb eines Jahres nach dem Unfall wieder im Studio. Sein Training ist jetzt anders. Eine Gliedmaße zu verlieren, beeinflusst jeden Aspekt des Trainings, weil die Balance nie wieder gleich ist. Das Erste, das eine Person macht, wenn sie sich zum Bankdrücken hinlegt, ist, die Füße auf den Boden zu stellen, und Simon kann sich nicht mehr so stabilisieren. Um das auszugleichen, verbrachte er viel Zeit auf der Bank, hob eine leere Stange an und senkte sie wieder ab, lernte, wie man die Bauchmuskeln nutzt, um seinen Körper stabil zu halten. Die Änderungen in seinem Beintraining sind noch offensichtlicher. Weil Simon keine Kniebeugen mehr machen kann, verlässt er sich auf Beinstrecken, Curls und Beinpressen. Die Bewegungen müssen alle sanft sein, nichts kann die Prothese stauchen. Er kann nicht so viel Kardio machen und was er macht, erfordert ein Sitzrad. Da jetzt so viel auf Simons verbliebenem Bein lastet, schmerzt es nach Trainingseinheiten und langen Spaziergängen und das wird immer so sein.
Der Unfall hat Simons Körper verändert, aber nicht seine Ansichten. Er ist immer noch ein treuer Begleiter von Louise. Er ist immer noch ein liebender Vater für ihre Töchter Teagan, 11, und ihrer Schwester Tia, 2. Er lernt immer noch von Kerry Kayes, dem außergewöhnlichen Freund und Mentor, den er an dem schicksalhaften Tag im Jahr 1998 besucht hat.
Er liebt auch das Bodybuilding noch. Es hat vielleicht sein Leben gerettet. Und in der dunkelsten Stunde der Rehabilitation gab es ihm einen Sinn im Leben, als es leicht gewesen wäre, keinen zu haben. Obwohl er seit dem Unfall zahlreiche Gastauftritte absolviert hat, stand Simon Robinson noch nicht wieder im Wettkampf. Symmetrie war sein Markenzeichen auf der Bühne, und die Wertung macht keine Ausnahme für eine fehlende Gliedmaße. Auch gibt es keine Bonus-Punkte für das, was unter seinen Muskeln liegt. Die Größe eines Mannes zeigt sein Herz und das ist nicht zu sehen. M&F

 

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